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Gesichtet

Zu Besuch bei Scientology

In Deutschland kennen wir die Sekte vor allem über das Gesicht von Tom Cruise.

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Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/13/Scientology_building_east_hollywood_los_angeles.jpg/1920px-Scientology_building_east_hollywood_los_angeles.jpg

In Zeiten von Terror in europäischen Metropolen wie Paris, Barcelona oder Berlin denken alle bei religiösem Extremismus sofort an den Islam. Vor fünfzehn Jahren war hingegen eher die Angst vor Scientology en vogue. Die vom Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard gegründete New Age Religion wendet sich explizit an vernunftsorientierte, religiös wenig verwurzelte Menschen und bietet ihnen einen als Wissenschaft verklärten, vermeintlich rationalen Weg an, um ein besserer Mensch zu werden.

 

Dabei bedient sich Scientology einer Mischung aus eigentlich wenig spektakulären und längst bekannten Methoden, die sie mit einem abenteuerlichen Weltbild und geradezu abstrusen Verheißungen verbindet. Scientology – und das sagen die meisten die einen Selbsttest gewagt haben – ist ein bisschen wie eine Droge: Würde jemand einem Außenstehenden erzählen, was er nach ein paar Jahren in der Organisation anstelle, über sich ergehen und für bare Münze nehmen würde, so würde keiner das bei sich selbst für möglich halten. Der Einstieg bei Scientology ist jedoch ein schleichender Prozess, der mit Erfolgserlebnissen, Freundlichkeit und Glückgefühlen beginnt, wohingegen der organisatorische Druck erst langsam hinzutritt.

 

Mich persönlich haben „Parallel-Welten“, die mitten unter uns existieren, die die große Masse aber nicht wahrnimmt, schon immer fasziniert. Während kaum ein vernünftiger Mensch also die zentral in den Innenstädten gelegenen und zugleich trotzdem versteckten „Orgs“ (So heißen Scientology-Zentralen) in Wiesbaden oder Frankfurt wahrnimmt, habe ich sie in den letzten fünf Jahren zwei oder drei Mal besucht, wenn ich Zeit und Abenteuerlust übrighatte.

 

Aufgebaut sind sie an beiden Orten ähnlich: An einem Bürogebäude muss man zunächst an einer versperrten Haustür die Klingel betätigen, um überhaupt Zugang zu den Räumlichkeiten in einem der oberen Stockwerke zu erlangen. Ist man an der eigentlichen Eingangstür in die Anderswelt angelangt, wird man dort direkt begrüßt. Freundlichkeit, Interesse und auch ein Hauch von Vorsicht liegen in der Luft. Man merkt, dass Scientology nicht so oft Besuch bekommt, wie man es sich dort wünschen dürfte. Umso mehr Wert wird auf den einzelnen Besucher gelegt. Ich erhielt in beiden „Orgs“ von jeweils einer adrett gekleideten Mittvierziger-Dame eine Führung durch die Räumlichkeiten. Diese schwanken hin und her zwischen dem Ambiente eines mittelprächtigen Großstadtbüros, dem Zauber einer Hogwarts-Schule und dem Flair einer UFO-Besichtigung.

 

Ersteres will Scientology eigentlich vermeiden: Wiesbaden und Frankfurt genießen daher auch nicht den Status einer „idealen Org“, also eines imposanten, repräsentativen Sitzes, wie es sie in Deutschland bislang nur in Hamburg und möglicherweise bald in Stuttgart gibt. Ein modernes, von innen und außen wie geleckt aussehendes Gebäude, ist für die Sekte von größter Bedeutung, denn es sind die Details des Unnahbaren, die fesseln. Und auf diese Details wird an allen Ecken und Enden geachtet: Ob es die hochmoderne Homepage ist, die attraktiv gestalteten Bücher mit erhabenen, glänzenden Buchstaben auf dickem Edelpapier, die imposanten DVD-Schatullen oder die interaktiv gestalteten „Orgs“, in denen sich immer ein symbolisches, kleines Arbeitszimmer mit Schreibtisch, Stuhl und Lampe für den Gründer von Scientology befindet.

 

Nach den Führungen habe ich mich immer noch etwas mit den Damen ausgetauscht. Vor allem interessierte mich der persönliche Werdegang, denn wer findet heutzutage schon noch zu einer Organisation mit einem derart schlechten Ruf? Typisch ist ein Schicksalsschlag oder eine schwere Zeit und ein mehr oder minder zufälliges Kennenlernen eines Scientologen oder eben einer Org. Der Ablauf bei Interessenten ist dann eigentlich immer derselbe: Nach der beschrieben Führung wird ein kostenloser Persönlichkeitstest angeboten, der einem Optimierungspotential aufzeigen soll. Dieser „Persönlichkeitstest“ ist derweil hochumstritten, denn er zeigt nicht nur bei wirklich jedem ein vermeintliches erhebliches Verbesserungspotential auf, sondern er ist der Anfang der Sammelwut der Sekte. Schon hier muss der angehende Scientologe dutzende hochpersönliche Fragen beantworten.

 

Bleibt man dabei, wird peu à peu das gesamte Leben offengelegt – inklusive etwaigen dunklen Geheimnissen, die – so berichten Aussteiger – später als Druckmittel angewendet werden. Danach wird „zur Potentialausschöpfung“ ein kostenloser oder kostengünstiger Kurs angeboten, bei dem dann auch schon das „E-Meter“ zum Einsatz kommt: Ein elektrisches Gerät, das einem Lügendetektor ähnelt und gewissermaßen Blockaden anzeigen soll. Laut Scientology wird das Leben von uns Normalmenschen nämlich durch „Engramm“, also negative Erinnerungen in Form von Geburts-, Operationstraumata und ähnlichem, die im Unterbewusstsein verankert sind, gesteuert. Dadurch wird unser analytischer Verstand immer wieder behindert, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Das klingt logisch und ist es in einem gewissen Umfang auch. In teuren Sitzungen werden die Erlebnisse immer und immer wieder durchgearbeitet, bis am Ende die Angst verschwinden soll. Das kann durchaus funktionieren: Jeder von uns kennt jemanden, der vielleicht panische Angst vor Hunden hat, weil er als Kind gebissen wurde. Ist nun beispielsweise bei einem Vorstellungsgespräch der Rottweiler vom Chef im Raum, kann der Betroffene vor Angst kaum einen klaren Gedanken fassen. Durch das wiederholte Durchleben des Kindheitstraumas im Gespräch kann ein solches „Engramm“ durchaus gelöst werden.

 

Sind alle Engramme – tatsächliche oder vermeintliche – gelöst, gilt ein Mensch bei Scientology als „clear“, also in der Lage, seinen analytischen Verstand uneingeschränkt zu gebrauchen. Doch das ist erst der erste Schritt auf der langen Karriereleiter eines Scientologen, die die Organisation als „Brücke bezeichnet“. Es folgen anschließend zahlreiche weitere Level und die sind richtig teuer. Wer „clear“ ist, hat den Scientology-Köder meistens geschluckt und kümmert sich darum aber nicht mehr. Die gesamten sozialen Kontakte und die meiste Freizeit verbringt er bereits in der Organisation. Und das, obwohl es meist nur einige Monate dauert, bis man „clear“ ist. Den dann vorhandenen Wunsch nach „mehr“, beschreibt Scientology auf seiner Homepage selbst wie folgt: „Wenn man einmal begonnen hat, hinaufzusteigen, gibt es keinen Wunsch aufzuhören. Der Hauch von Freiheit und die gesamte Realität darüber sind nach all dieser Zeit zu stark.“

 

In Wahrheit ist hier der Zeitpunkt, wo die meisten langsam aber sicher komplett abdrehen. Ab gewissen Leveln (genannt OT-Grade) sollen sogar schwere Krankheiten nicht mehr möglich sein. Ein bekannter Scientology-Aussteiger aus den USA bemerkte den Schwindel erst, als auf einem sehr hohen Level angelangt war und merkte, dass die Brille, die er tragen musste und seine zahlreichen Gebrechen überhaupt nicht zu dem Übermenschen-Level passte, dass er eigentlich schon erreicht haben müsste. Wie vielen hochrangigen Scientologen es so geht, weiß man nicht. Eigentlich müssten viele, die die Organisation so intensiv kennengelernt haben, längst wissen, dass sie sich selbst betrügen. Doch wer viele Lebensjahre und zehntausende Euro in Scientology investiert hat, ist in der Organisation ein hohes Tier, außerhalb von ihr aber meist ein unbedeutender niemand, was den Ausstieg nicht gerade erleichtert.

 

Dass mancher Grundgedanke von den „Auditing“-genannten Scientology-Sitzungen gar nicht mal schlecht sein muss, zeigt der Umstand, dass sich weltweit einige hundert Scientology-Aussteiger von der Lehre an sich gar nicht abgewendet haben, sondern nur von der Organisation Scientology. Sie organisieren sich in der „Freezone“ und in der „Ron’s Org“ und bieten die Kurse zumindest etwas günstiger an – auch in Deutschland. Wer in punkto Sektenfragen aber lieber auf Nummer sicher gehen und vor allem nicht so viel Geld ausgeben will, ist mit einem Coach oder Lebensberater wohl immer noch deutlich besser beraten.

 

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