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Leben

Was wir von Behinderten lernen können

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In meiner Heimatstadt gab es eine große Behindertenwerkstatt, die nahe meiner Schule lag. Die Behinderten fuhren im selben Bus morgens zur Arbeit, mit welchem ich zur Schule fuhr. Daher hatte ich täglich mit ihnen zu tun. Dies waren keine körperlich, oder richtig stark geistig Behinderten, sondern jene, deren IQ so zwischen 50 und 70 liegt. Also solche, die normal rumlaufen und sich ganz gut artikulieren können, bloß ein wenig plemplem sind und eigentümliche Ticks haben.

Und, ich muss sagen: Ich liebe diese Typen inniglich. Ich will Euch mal ein paar von ihnen vorstellen.

Da war zum einen der „Chef der Autokraft“ (Autokraft hieß das Busunternehmen unserer Stadt). Ein kleiner, schwarzhaariger Mann mit gepflegtem Bart und fingerdicken Brillengläsern, der sich seinen Spitznamen dadurch erwarb, dass er im Schulbus immer vorne neben dem Busfahrer stand und dabei außerordentlich wichtig aussah. Zu seinem würdevollen Auftreten gehörte auch, dass er jedes Mal einen Nadelstreifenanzug trug und eine Melone auf dem Kopf hatte. Sah man ihn außerhalb eines Busses, rauchte er stets kurze Zigarren. Der optische Vergleich mit einem Mafioso der 20er Jahre ist nicht unangebracht. Als Kinder dachten wir wirklich, er sei der leibhaftige Chef des Busunternehmens, der einfach morgens mitfährt, um die Arbeit des Busfahrers zu überprüfen. Als mir irgendwann klar wurde, dass er einfach nur in die Behindertenwerkstatt fuhr, konnte ich nie wieder anders als breit zu grinsen, wann immer ich den wichtigtuerischen Zwerg mit seinem Hut, seinem distinguierten Auftreten und seiner ernsten Miene vorne beim Busfahrer stehen sah.

Ein anderer Behinderter aus dem Schulbus war „Prince Charles“, mit dem ich jeden Tag morgens gemeinsam auf den Bus wartete. Er sah wirklich exakt aus wie der britische Kronprinz, nur dass er anscheinend permanent erkältet war. Jedenfalls hing ihm immer der obligatorische Tropfen an der roten Nase. Außerdem trug er stets Sandalen und Socken. Aber davon abgesehen, wirkte er tatsächlich sehr aristokratisch. Stoisch, die Nase hoch in die Luft gereckt und mit blasiertem Gesichtsausdruck stand er dort und wartete majestätisch auf den Bus. Selbstverständlich war er auch jeden Tag der erste, der an der Haltestelle stand. Ganz gemäß dem Motto „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“.

Dann gab es den „Fotografen“. Keine Ahnung, warum der so hieß. Dies war ein älterer Mann, den man fast zu jeder Uhr- und Jahreszeit unsere Straße fegen sah. Seine Markenzeichen: Graue XXL-Koteletten, Pennermatte, Schiffermütze, gute Laune und stets ein zahnloses Lächeln auf dem Gesicht. Eine Besonderheit war seine Hose, die ich zehn Jahre lang für eine Lederhose gehalten hatte, bis mir auffiel, dass es einfach nur eine extrem speckig glänzende, unzählige Male geflickte Cordhose war.

Den Behinderten Kuno lernte ich als Zivi in einem Jugendzentrum kennen. Ein junger Mann mit treuem Blick, Lispelstimme und Segelohren, der gerne Umarmungen verteilte. Seine Lieblingsbeschäftigung war, den Terroranschlag aufs World Trade Center mit Buntstiften künstlerisch zu verarbeiten. Eine seiner Zeichnungen habe ich aufbewahrt, und wann immer ich sie mal wieder in die Hände bekomme, muss ich sehr schmunzeln. Erst einmal hat er natürlich die Zwillingstürme zu Papier gebracht, wobei er jedes Fenster einzeln zeichnete, teilweise mit Blumentöpfen und hübschen Gardinen (er brauchte dafür Stunden). Als nächstes malte er jede Menge Flugzeuge, die brennend auf die Wolkenkratzer zurasten. Und dann die Opfer: Männer, Frauen, Hunde, Katzen, Schlangen und andere Tiere, welche sich in Not aus den Fenstern der Hochhäuser stürzen. Allesamt weinend. Auch die Schlangen.

Als wären die Kamikaze-Flugzeuge nicht schon furchtbar genug, malte Kuno auch noch einen Schauer brennender Meteoriten, der zeitgleich mit den Flugzeugen auf die unglücklichen Gebäude niederprasselte. Zum Schluss, und nun kommt der Höhepunkt und der satirische Bruch, schrieb er noch hundertfach, auf jede freie Stelle des DIN-A2-Blattes, zwischen all die Flugzeuge, Meteoriten und die sich in den Tod stürzenden, weinenden Haustiere, die Worte „DJ Bobo“ und „Scooter“. Überschrieben hatte er seine Schöpfung mit „Amageddon“.

So grausam diese in Buntstift gefasste Szenerie war, so sehr musste ich doch lachen, als er mir freudestrahlend sein Kunstwerk präsentierte. Auch jetzt muss ich schon wieder kichern, während ich daran zurückdenke.

Zu guter Letzt möchte ich Euch noch Hannes vorstellen, den ich ebenfalls während meiner Zivizeit kennenlernte. Ein stadtbekannter Behinderter, der seine Narrenfreiheit aufs Köstlichste ausreizte. Wenn ich je einen Anarchisten gekannt habe, der auf Regeln einen Dreck gibt, dann ihn. Sich zwar langsam, schlurfend und gebeugt fortbewegend, wirkte er trotzdem stets unbekümmert, und so benahm er sich auch. Beispielsweise hielt er, wenn er müde war, gerne mal mitten auf dem Bürgersteig ein Mittagsschläfchen. Da lag er dann zusammengerollt auf dem Gehweg, poofte vor sich hin und sah dabei so sorglos und zufrieden aus wie ein Baby. Wenn auch wie ein Baby um die Fünfzig. Hin und wieder holte er auch mal seinen Schniedel raus, und schien sich dann sagenhaft über diesen zu freuen – so, als sei dessen Existenz eine vollkommene Überraschung für ihn. Gott sei Dank packte er ihn auch wieder ein, wenn man fragte.

Eine große Sorge hatte Hannes jedoch – nämlich, dass er nicht genug Kaffee bekam. Zwar erhielt er seinen Kaffee bei uns stets kostenlos und so viel er wollte, bestand aber trotzdem darauf, dass ich seinen Becher jedes Mal ganz bis zum Rand füllte. Vergaß ich das, legte sich sein Gesicht sogleich in tiefe Sorgenfalten, und er sah mich so wehmütig und mitleiderregend an, dass ich sofort ein schlechtes Gewissen bekam und ihm schleunigst nachschenkte. Danach folgte das immer gleiche Ritual: Erst schlürfte er den ersten Zentimeter ab, dann holte er aus der Innentasche seiner speckigen Jacke eine Packung gemahlenen Bohnenkaffees und füllte den Becher damit wieder auf. Diesen Kaffee mit Fruchtfleisch nuckelte und mampfte er dann still und zufrieden weg und wirkte dabei beneidenswert glücklich.

Mein lustigstes Erlebnis mit Hannes war folgendes: Kuno hatte seit einigen Tagen die Idee, dass er kein Behinderter im klassischen Sinne, sondern Autist sei. Autisten, so Kuno, seien zwar auch Behinderte, aber ausgestattet mit einer geheimen Superkraft. Fröhlich tat er diese These im ganzen Jugendzentrum kund und fragte schließlich den kaffeesatzkauenden Hannes: „Hannes, bist du auch Autist?“

Woraufhin dieser von seinem versifften Kaffeebecher aufblickte und äußerst trocken und lässig antwortete:

„Nein, ich bin Deutscher.“

Das war so extrem komisch, dass ich damals laut aufkreischte vor Lachen. Bis heute erzähle ich diese Anekdote gerne im Familienkreis, inklusive Stimmenimitation, und ernte noch immer großes Gelächter dafür.

Dies waren nur einige der vielen skurrilen Behinderten, die mir bis jetzt so über den Weg liefen, und der Leser fragt sich bestimmt schon, warum ich ihm diese Geschichten von den gehandikapten Originalen aus meiner Heimatstadt überhaupt auf die Nase binde, und was das mit unserem Thema, der konservativen Revolution, zu tun hat.

Nun. Ich hatte schon immer eine Antipathie gegen Gutmenschen. Aber im gleichen Maße hatte ich auch schon immer Sympathie für Behinderte – weil sie, aus meiner Sicht, so etwas wie Anti-Gutmenschen sind. Diese ganzen furchtbaren Unarten der Gutmenschen, allem voran das Virtue signalling, also das Abgeben von Statements für den alleinigen Zweck, als guter, moralischer Mensch dazustehen, sind Behinderten völlig fremd.

Zugegeben, der Grund dafür, dass viele Behinderte keine Gutmenschen sind, ist natürlich, dass ihren Hirnen schlicht etwas fehlt, ihr Verhalten ständig auf politische Korrektheit zu prüfen. Aber wie dem auch sei: Fakt ist, dass Behinderte vor allem mit ihren eigenen Problemen und Bedürfnissen beschäftigt sind und nicht, wie unsere Gutmenschen, mit Bullshitproblemen, wie ob die Lieferung oller Klamotten nach Afrika deren Wirtschaft kaputt mache und die Afrikaner deshalb nichts gebacken bekämen, oder ob Mikroplastik in der Zahnpasta ist, ob Kinderkriegen gut fürs Klima ist oder ob die Eier auch wirklich Bio sind.

Behinderte sind authentisch. Taktieren, Zynismus und Ironie sind ihnen unbekannt. Wenn sie ein Bedürfnis äußern, kann man ziemlich sicher sein, dass sie dieses auch wirklich haben, und nicht nur so tun als ob, um ihren menschlichen Wert unter Beweis zu stellen. Diese Ehrlichkeit und Unverstelltheit empfinde ich als äußerst sympathisch, erfrischend und häufig auch als extrem lustig.

Nehmen wir nur mal Kunos totale Begeisterung für den Künstler DJ Bobo. In meinem damaligen linken Umfeld, und damit meine ich auch die Pädagogen des Jugendzentrums und die häufig sich dort tummelnden Antifas, wurde ausschließlich depressive Gitarrenschrammelmusik wertgeschätzt und konsumiert. Offen zur Schau gestellte Begeisterung für einen so profanen und mainstreamigen Musiker wie DJ Bobo galt als übler Fauxpas. Aber Kuno war das vollkommen wurscht. Er garnierte auch weiterhin jedes Stück Papier, das er in die Hände bekam, mit DJ Bobos Namen. Und seine offene Begeisterung für den King of Dance hatte auch einen angenehmen Nebeneffekt: Kuno versetzte mich damit in die glückliche Lage, unter Hinweis auf seinen ausdrücklichen Wunsch öfters mal DJ Bobo aufzulegen. Natürlich zum Unbehagen der anwesenden Antifaschisten, die sich dagegen aber nicht wehren konnten, da Kuno mit seiner Behinderung und seinem damit einhergehenden Opferstatus natürlich den moralischen High ground für sich beanspruchen konnte.

Meiner Meinung nach können wir uns eine dicke Scheibe von solchen Behinderten abschneiden. Natürlich nicht von ihrer geistigen Retardiertheit. Aber von ihrer Offenheit, ihrem Mangel an Falsch, ihrer Besinnung auf ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse und ihrem absoluten Desinteresse an politischer Korrektheit. Wenn wir DJ Bobo und Scooter lobpreisen wollen, sollten wir das verdammt noch mal tun. Freiheraus, offensiv und ohne Schamgefühl. Und wenn uns unser eigenes Land wichtiger ist als das verflixte Afrika und uns die Moslems alle mal kreuzweise können, dann sind das unsere ureigenen Empfindungen und wir haben das verfluchte Recht, diese ebenfalls freiheraus, offensiv und ohne Schamgefühl zu artikulieren.

Lasst uns ehrlich zu unseren Ansichten stehen und auf die Gutmenschen mit ihrer armseligen politischen Korrektheit pfeifen. Wenn Kuno das kann, können wir das auch.

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3 Kommentare auf "Was wir von Behinderten lernen können"

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Stefan
Gast
Mein lieber, konservativ revolutionärer Xubor. Ich bin weder links, noch in Ansätzen so rechts wie du. Originär bin ich liberaler im politisch wortwörtlichen Sinne, wirtschaftsnah, BWLer. Aber vor allem bin ich schockiert über deine Aussagen, du oder soll ich dich lieber Siezen, weil du ja furchtbar „konservativ“ bist. Nennt man das im Schwarz/Weiß/Roten Design auftreten nun also Konservativ? Ich würde sagen wir wissen, dass dies eine ganz schwache Tarnung ist und Konservativ Revolutionär auch eine Verballhornung ist. Was mich wiederum zu dem Schluss bringt, dass hier für anständige konservative und wertekonservative Menschen deutlich zu wenig Rückgrat im Preußischen Sinne auch… Read more »
Xubor
Gast
Hi Stefan, ich bedanke mich erst mal für Dein Interesse an meinem Artikel. Du kannst mich ruhig duzen. Konservativ heißt für mich nicht Spießertum, sondern lediglich der Wille, unsere Gesellschaft zu erhalten und sich ihrer selbstzerstörerischen Umformung durch die Gutmenschensekte entgegenzustellen. Konservative Revolution hört sich widersprüchlich an, da gebe ich dir Recht, trifft es aber meiner Meinung nach ganz gut. Mir gefällt nicht die negative Konnotation des mir von Dir unterstellten „über sie lustig machen“. Das hört sich nach Schadenfreude an. Ich habe noch nie erlebt, dass irgendjemand gegenüber Behinderten Schadenfreude empfindet. Welchen Sinn sollte das machen? Ferner sagst Du,… Read more »
Stefan
Gast
Ich lese den Artikel wohl etwas anders als du, aber seis drum, ich war recht konfrontativ unterwegs und der Beitrag wurde frei geschaltet und beantwortet. Das respektiere ich. Deine Reaktion auf meinen Kommentar kann ich ganz gut akzeptieren, wobei ich jedoch sage dass der Artikel für mich nach wie vor ein negatives Bild auf Behinderung wirft, dass so nicht sein müsste und du für meinen Geschmack zu viel Wert darauf legst wie „lustig“ die doch waren. Ich glaube im Kern unserer politischen Einstellung werden wir so schnell keine Freunde, ich denke das steht garnicht zur Debatte. Dafür bin ich mir… Read more »
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