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Sport & Gesundheit

Streetworkout versus Turnbewegung

Jahns Erbe: Wir sind den Ursprüngen der deutschen Sportbewegung auf den Grund gegangen.

Quelle: pexels

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Vor nun über 200 Jahren wurde auf der Hasenheide bei Berlin der erste öffentliche deutsche Turnplatz eröffnet. Unabhängig des jeweiligen Standes, traf man sich und übte sich in vielfältigen Disziplinen der Körperertüchtigung. Auch heute gibt es wieder vermehrt den Wunsch ausserhalb von Fitnesstempeln draußen in Parks, auf Spielplätzen oder öffentlichen Einrichtungen „Streetworkout“ oder „Calisthenics“ zu betreiben. Auf etlichen YouTube Kanälen lassen sich die teils beeindruckenden Fertigkeiten bewundern und zum Nacheifern anregen.

In den Zeiten des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852) lobte der deutsche Schriftsteller Ernst Moritz Arndt „das freie, öffentliche volkstümliche nicht in den Wänden eines Gymnasiums eingeschlossene Turnen“. Während auf dem ersten Blick Gemeinsamkeiten der Streetworkout Bewegung heute und der Bewegung auf der Hasenheide damals erscheinen, offenbart der genauere Blick eklatante Differenzen.

Einer der wichtigsten Unterschiede beider Bewegungen, wenn das Streetworkout als Bewegung bezeichnet werden kann, ist die Motivation. Auch wenn meine Thesen keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben und es einzelne Ausnahmen früher wie heute geben mag, so ist doch festzustellen, dass heute eine Tendenz besteht, seine Trainingserfolge vor allem aus den Augen Anderer zu betrachten. Fortschritte werden mit Videoaufnahmen dokumentiert und die Rückmeldungen aus den Sozialen Netzwerken werden zur wichtigen oder gar wichtigsten Motivationsquelle.

Deshalb ist neben den vorzeigbaren Leistungen auch die Ästhetik des Körpers heute überaus relevant.

Für Friedrich Ludwig Jahn war die soziale Verantwortung gegenüber Anderen und somit die Gemeinschaft, das Prinzip der Gemeinnützigkeit  von elementarer  Bedeutung. Um die verschiedenen Stände auf dem Turnplatz zu überwinden, wurde in altdeutscher Tracht geturnt. Fürstensöhne, Studenten, Arbeiterkinder alle im „Du“ brüderlich vereint erfuhren die „Turngemeinschaft“.

Sind heute in der Streetworkout Bewegung vor allem spektakuläre und akrobatische Übungen von Bedeutung, da diese mehr „Klicks“  im Internet erhalten, waren die Disziplinen auf der Hasenheide neben den „Geräteübungen“ wie zum Beispiel Reck, Barren, Pferd und Schwebebalken auch Schwimmen, Fechten und Wandern. Einige Übungen von Damals sind heute immer noch aktuell. Die Jugend verpflichtete sich den „Gesetzen“ auf den Turnplätzen freiwillig, aber bindend. Der zentrale Freiheitsbegriff auf der Hasenheide schloss neben der Ständelosigkeit auch das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes ein, Freiheit von dem Imperialisten Napoleon, der Europa unterjochte. Somit war der Geist sich für die Gemeinschaft zu trimmen, zu ertüchtigen und für Volk und Vaterland einzustehen der führende Gedanke. Viele Mitglieder der Turngruppen kämpften später in den Befreiungskriegen im Lützower Freikorps.

Das politische Element ist in der Steetworkout Bewegung nicht zu finden. Die Abgrenzung findet zu den Trainierenden in Fitnessstudios und Turnhallen statt. Die Freiheit wird vor allem durch das Trainieren im Freien, aber meistens urbanen Umfeld empfunden. Eine vermeintliche Antikonsumhaltung wird bedauerlicherweise beim genauen Hinsehen als Fassade entlarvt. Schon längere Zeit gibt es einen Markt für Kleidung und Produkte für den Calisthenics Enthusiasten. Hier seien nur kurz Actioncams und andere Hilfen zum sich Selbst auf Video aufnehmen erwähnt. Mit der Einführung der Wettbewerbe im modernen Calisthenics ist die Zuordnung zu dem britisch geprägtem Sport nicht mehr zu übersehen. Der Ursprung, das „se disportare“ war im 17. und 18. Jahrhundert der Zeitvertreib der britischen Adelsgesellschaft um sich zu zerstreuen und mit Geldeinsatz auf sportliche Leistungen zu Wetten. Hier werden die unterschiedlichen Motive deutscher und britischer Modelle deutlich. 1896 wurde mit dem Beginn der neuzeitlichen olympische Spielen der Siegeszug des britischen Modells weltweit begonnen.

Ein zentrales offizielles Motiv von staatlicher bzw. kommunaler Seite, das Aufbauen von Streetworkout Parks heute zu fördern, ist die der Gesunderhaltung der Bevölkerung. Hier sei an die Trimm-Dich-Bewegung in den 1970er Jahren erinnert. Trimm Dich Pfade wurden in an Kommunen angrenzende Waldstücke aufgebaut. Zunehmendes Körpergewicht und Kreislauferkrankungen sollte mit Unterstützung der Krankenkassen, der Wirtschaft und der Kommunen, der Kampf angesagt werden. Motiv war hier Krankheitsprävention des Einzelnen in der Wohlstandsgesellschaft, um die explodierenden volkswirtschaftlichen  Kosten einzudämmen. Die Gesunderhaltung spielt in der heutigen Streetworkout Bewegung aus Sicht der Trainierenden, wenn überhaupt, nur sekundär eine Rolle. Vielmehr ist die vermeintliche soziale Anerkennung meistens das Hauptmotiv.

Wenn auch die Leistungen wirklich absolut anzuerkennen sind und so die körperliche Degeneration von einem Großteil der Bevölkerung im direktem Vergleich erst offenbart, ist das Fokussieren auf einen narzisstischen Blickwinkel zu bedauern.

Um die Jugend auf das was auch immer kommen mag vorzubereiten, wäre es wünschenswert es würden Landauf, Landab neue Hasenheiden entstehen und wie damals neben der reinen Körperertüchtigung, das Ansprechen des Geistes und das Bilden eines „Gemeinsinns“ als Ziel verfolgen.

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