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Rezension: Hier stehe ich, es war ganz anders – Irrtümer über Luther

Autor Andreas Malessa hat mit seinem Buchtitel bei mir die Neugier geweckt, mich mit den bekanntesten Aussprüchen des großen Reformators Dr. Martin Luther (1483 – 1546) zu befassen sowie mit den weit verbreiteten Ansichten über ihn. Der Autor und Theologe Malessa nimmt in seinem Buch die bekanntesten Zitate der zentralen Persönlichkeit der Reformation genau unter die Lupe, sauber recherchiert und unterhaltsam dargebracht. Wer einen theologischen Hintergrund hat und ein Fachbuch erwartet, der wird hier allerdings enttäuscht.

Martin Luther, der nicht nur eine neue Congregation im engeren Sinn, sondern eine komplett neue Kirche gründete, wird den Lesern von seiner menschlichen Seite nahe gebracht, als Mann, als Ehepartner, als Bibelübersetzer, der Ablässe definitiv aussprach, nur aber den florierenden Handel damit – um den Bau des Petersdomes in Rom zu finanzieren – nicht gutheißen konnte.

Das Büchlein enthält nicht nur eine kurze Bibliographie im Anhang, den Hauptteil bilden die 24 Kapitel, wovon jedes unter einem separaten Thema steht und mit jeweils einem Irrtum bzw. Ausspruch von dem Theologieprofessor gründlich aufräumt.

Pflanzte Luther ein Apfelbäumchen…

…wenn morgen die Welt unterginge? Mitnichten. Wie der Autor anmerkte, kann nicht ausgeschlossen werden, ob Luther jemals im Garten beim Pflanzen von Obstbäumen seiner Ehefrau Katharina geholfen hat. Jedoch ist weder in der Ansammlung von Marthin Luthers 7000 Tischreden noch in der „Weimarer Gesamtausgabe“ aller Schriften von Martin Luthers dieser Ausspruch zu finden.

War Luther abergläubisch?

Der im 19. Jahrhundert lebende deutsche Schriftsteller Emanuel Geibel äußerte seinerzeit folgenden Ausspruch: „Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaub‘ ins Fenster.“ Davon war Martin Luther weit entfernt. Jedoch war das Weltbild des Menschen im Mittelalter voller Magie und mystischer Bedrohungen. Luther war mit schlechtem Gewissen abergläubisch, im Alter bekam er jedoch einen kritischen Abstand zum Aberglauben, welcher Gott ein Gräuel ist. Während seines Aufenthaltes von 8 Monaten auf der Wartburg bei Eisenach wohnte der doch recht einsame „Junker Jörg“ in einem weitläufigen Teil des Gebäudes, welchen er nur über eine Zug- bzw. Bodentreppe erreichen konnte und wo er sich in Gesellschaft eines Poltergeistes wähnte. Luther befahl sich desnachts zwar des Schutzes durch unseren Herrn Jesus Christus an, nahm sich aber als Kronzeugin für den Poltergeist die Frau des Schlosshauptmannes der Wartburg auf sein Zimmer. Unwahrscheinlich, dass man hohen Besuch, noch dazu den einer Dame, in einem weit entfernten Zimmer mit Poltergeistern wohnen lässt, vor allem, wenn die Gemächer ihres – zeitweilig getrennt lebenden – Ehemannes im Vergleich dazu luxuriös sind. Wie er selbst zitierte, wollte Luther nicht nur brünstig im Geist sein, sondern war es auch im Fleisch. So hatte das Gepolter des nachts in seiner Kammer keine mystische, dafür wohl einen rein menschlichen Hintergrund?

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Gab Luther seinen Anhängern den Namen Protestanten?

Niemals. Die Fürsten und Städte, welche im März 1529 dagegen protestierten, dass über ihren Glauben abgestimmt werde, die, und auch nur diese, nannte man Protestanten. Und warum wehrten sich die Fürsten? Weil Kaiser Karl V. nach dem Reichstag von Worms 1521 dem Bannfluch über Luther so rückdatierte, als sei dies ein Beschluss aller Wormser Reichtagsteilnehmer gewesen. Die Fürsten interessierten sich daher nicht für das Lutherverbot. Nein, nicht von Luther selbst stammt das Wort Protestanten, sondern es ergab sich letztendlich aus der Protestschrift der inzwischen evangelischen Städte und Fürsten an den Kaiservertreter Ferdinand.

Hatten Luther und seine Ehefrau Zuschauer im Schlafzimmer?

Nein, es waren keine Voyeure im Schlafzimmer der Luthers. Doch ein einziges Mal gab es Trauzeugen im eigentlichen Sinne, nämlich in der Hochzeitsnacht. Nach den Gesetzen des Mittelalters ging die Vorwundschaft des Vaters über seine Tochter erst dann an den Herrn Schwiegersohn über, wenn sie in dessen Bett liegt und mit ihm den Geschlechtsakt vollzieht. Und dieser musste notariell beurkundet werden. Dafür waren Zeugen notwendig. Ob Ehemann und nun Ehefrau sich wirklich ver-trauen, dies bewies sich in damaligen Vorstellungen nicht in der Kirche, sondern im Ehebett. Das Paar wurde nach einer Ansprache entkleidet und „unter ihre erste gemeinsame Decke gesteckt“. Dieser Sitte verdanken wir die heute übliche Redewendung „unter einer Decke stecken“.

Dieser Überblick über zwei der vierundzwanzig Kapitel zeigt dem Leser, wie leicht und kurzweilig das Büchlein zu lesen ist. Es ist kein theologisches Fachbuch, keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern es ist ein Buch für die an Luther interessierte Bevölkerung.

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