fbq('track', 'ViewContent');
Verbinde dich mit uns

Theater

René Polleschs Theaterstück „Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?“

René Polleschs Theaterstück sorgte seit der Uraufführung Ende 2017 für Aufsehen. Wir haben uns kulturell damit auseinandergesetzt.

Rechte bei: Thomas Aurin

Veröffentlicht

  am

Schauspielhaus Stuttgart, 20 Uhr: Der Chor aus grau uniformierten jungen Frauen stürmt die Bühne und schreit dem Publikum entgegen „Ich bin der Mann!“, immer wieder, zunehmend lauter und aggressiver, wenig später dann „Pussy grabs back!“. Der Ton ist schnell gesetzt in René Polleschs Theaterstück „Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?“. Wer aber nun einen kämpferisch-politischen Abend erwartet (oder befürchtet) hatte, wurde eines Besseren belehrt, als sich diese Ansätze im Katzenjammer einer surrealen Groteske verliefen.

Rechte: Thomas Aurin

Die beste und einzige Pointe des Stücks: Das erste Foto der gesamten Erde wurde genau 1968 geschossen, ausgerechnet. Die Expansion des Menschen habe ihr Maximum erreicht und sei dann rückwärts umgeschlagen, der Blick richtet sich nicht mehr in die unendlichen Weiten des Außen, sondern immer weiter nach innen, in psychedelische Innenwelten, in die abgeschlossenen Filterblasen des Internet, wo natürlich der ichbezogene Narzisst Donald Trump herrscht, etc.. Die Ausdehnung der westlichen Zivilisation sei in Kalifornien in Gestalt des Pazifik an ihre natürliche Grenze gestoßen und dann umgekippt in die Weltvereinigungsphantasien der Hippiekommunen von San Francisco oder die Technikutopien des Silicon Valley. Dieses Thema wird von den fünf Hauptdarstellern in einem permanent um sich selbst kreisenden Gespräch 90 Minuten lang breitgetreten, die belanglose Kommunikation dieser Hohlräume soll offenbar performativ dargestellt werden, sie beklagen Weltverlust, suchen vergeblich einen MacGuffin, einen Gegenstand, der die Handlung in Filmen vorantreibt und fühlen sich ungeliebt, das Ergebnis ist, wie könnte es anders sein, vollendet belanglos. Warum das Bühnenbild aus dem Kopf eines riesigen Tigers besteht (mit einem Juso-Logo als Katzenklappe), der wie ein Mann (oder eine Frau) agierende Chor seine sexuelle Identität anscheinend permanent wechselt und die Darsteller ihr Publikum als „Ficksäue“ bezeichnen, darüber bleibt der Zuschauer im Unklaren.

Wer aber versucht, diesen Karneval zu kontextualisieren, der wird durchaus fündig. So antwortete Pollesch in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung von 2012 auf die Frage „ Aber was kann uns verbinden, wenn nicht die Liebe?“ mitVielleicht sollte nicht die Ähnlichkeit zwischen uns die Grundlage einer Kommunikation sein, sondern unsere Differenz. Bisher sortieren wir alles aus, was nicht passt. Aber es gibt ja nicht nur Männer, sondern auch Frauen mit Bartwuchs, und die rasieren und wachsen sich, damit sie aussehen wie die Frau aus dem Biologiebuch. Oder denken Sie an die Arche Noah. Angeblich steht sie für Vielfalt, in Wahrheit ist sie das genaue Gegenteil: zwei Eisbären, zwei Gorillas, zwei Elefanten, immer ein Männchen und ein Weibchen. Was aber ist mit dem schwulen Pavian und dem transsexuellen Zebra?“

Rechte: Thomas Aurin

Das Dilemma des Linksliberalismus liegt hier offen zutage: Einerseits betont man einseitig die Differenz zwischen den Menschen, beweint aber andererseits die eigene Einsamkeit in der atomisierten Gesellschaft. Die kulturelle Elite spürt durchaus das Unbehagen an den Verwüstungen, zu denen sie selbst beigetragen hat, aber Beiträge zu einer Lösung kann sie nicht liefern, allenfalls in sinnentleerten Kunstwerken den Status Quo einer Gesellschaft ausstellen, die außer dem Hedonismus des Individuums keine Verbindlichkeiten mehr kennt. Was hält uns zusammen wie der Ball die Spieler einer Fußballmannschaft? Wir waren einmal ein Volk. Vielleicht erinnert sich ja noch wer.

Werbung
Klicken um zu Kommentieren

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
2500
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu:
Werbung

Beliebte Beiträge

Unterstützt Arcadi!

Wenn dir unsere Arbeit gefällt, folge uns oder spende einen Beitrag!