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Politik

Mysterium: Flucht vor deutschen Waffen?

Stimmt es, dass wir mit deutschen Waffen für Flüchtlingsströme sorgen?

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Ich steh auf alles, was bummst und knallt. Ich liebe die wuchtige Majestät riesiger Großkampfschiffen, die schnittigen Linien von Zerstörern, die Eleganz von Jagdflugzeugen, die grobschlächtige Dominanz gewaltiger Geschütze, die … ähem, also, kurz gesagt: Ich bin Waffennarr. Und als solcher bin ich natürlich stets bestens informiert über die Neuerscheinungen auf dem internationalen Waffenmarkt. Und auch darüber, wer diese herstellt und wer diese kauft.

Vor diesem Hintergrund geht mir schon seit vielen Jahren eine oft gehörte Behauptung gewaltig gegen den Strich: Deutschland sei am Elend der Welt maßgeblich mitverantwortlich, weil es der drittgrößte Waffenexporteur sei und mit seinen Waffen die Konflikte der Erde anheize, wenn nicht sogar initiiere.

Seit Herbst 2015 wird diese Behauptung gerne noch um den Vorwurf erweitert, dass deutsche Waffen die Flüchtlingsströme mit verursachen würden und daraus für die Deutschen die moralische Verpflichtung erwachse, Moslems aus der dritten Welt bei sich anzusiedeln.

Beispielsweise erinnere ich mich an einen Artikel in der (zugegebenermaßen linksradikalen) Zeitschrift „Konkret“, in welchem eine mit Afrikanern prall gefüllte Schaluppe abgedruckt war, die sich gerade im Kentern befand. Bildunterschrift: „Hier sterben Menschen auf der Flucht vor deutschen Waffen“.

Nun, diese Bildunterschrift war höchstwahrscheinlich falsch. Denn erstens wurde dieses Foto von einem gerade zur Rettung eilenden Fahrzeug gemacht, zweitens war die See spiegelglatt und drittens, na ja, quillt Afrika nicht gerade über vor deutschen Waffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wenn man in Afrika erschossen wird, die Kugel den Lauf einer Waffe made in Germany verließ, liegt irgendwo im Promillebereich.

Waaas? Woher will ich das bitteschön wissen? Deutschland ist doch der drittgrößte Waffenexporteur!

Nun ja. Anders, als es sich Linksradikale vielleicht vorstellen, verhält es sich mit den Waffenexporten nämlich nicht so, dass die Afrikaner friedlich und possierlich vor sich hinleben, bis plötzlich ein sinistres Bündnis aus deutscher Politik, deutschen Waffenhändlern und deutscher Waffenindustrie beschließt, G36 über ihnen abzuwerfen und sie somit in einen blutigen Krieg zu stürzen.

Nein. Waffen, wie jedes andere Produkt auch, kauft man ganz normal auf dem freien Markt. Sogar Afrikaner, ob man es glaubt oder nicht, bekommen sie nicht geschenkt. Und genau hier haben wir den Grund, warum deutsche Waffen in Afrika eher Mangelware sind: Deutsche Waffen sind sauteuer.

Ob du nun ein afrikanischer Diktator bist, ein Chef einer islamischen Terrormiliz, Anführer einer Verbrecherbande oder einfach ein Häuptling, der einen verfeindeten Stamm plattmachen will. Was kaufst du dir?

a) deutsche HK G36 für je 2000-3000 Euro

b) amerikanische M4 für je 1000-2000 Euro

c) russische Kalaschnikows für je 250 Euro

d) billige Kalaschnikow-Nachbauten für je 100 Euro

e) alte, gebrauchte Kalaschnikows für je 20-50 Euro

f) Macheten im Tausch für je einen Kürbis

Die Antwort dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht a) sein. Wer mir das nicht glaubt, kann sich ziemlich leicht selber überzeugen, nämlich auf Wikipedia. Blicken wir erst mal auf die Waffen, die die regulären Streitkräfte dieser Länder beschafft haben. Bei Wikipedia sind sämtliche Armeen dieser Welt aufgelistet, inklusive dem aktuellen Stand ihrer Rüstung. Ich bitte dem zweifelnden Leser, sich über den Waffenbestand aller Länder zu informieren, aus denen Geflüchtete nach Deutschland strömen.

Von Marokko bis Somalia, von Syrien bis Afghanistan nutzen die Armeen zu ca. 70% russische Waffen, zu 25% amerikanische Waffen und zu 5% sonstige Waffen. Von letzteren sind vielleicht ein Drittel deutsche. Hauptsächlich sind das Heckler & Koch G3, die in den 60ern während des Kalten Krieges nach Afrika gelangt sind, und wahrscheinlich nicht mal in Deutschland hergestellt wurden, da sie von mindestens 15 Ländern in Lizenz gebaut wurden. Auch HK MP5-Maschinenpistolen, die so ziemlich jede Polizeitruppe der Welt beschafft hat, sind dabei, auch ein paar Pistolen und einige Spezialfahrzeuge wie zum Beispiel Mercedes-Benz Unimogs. Elite-Einheiten benutzen auch in Afrika und Arabien gerne das deutsche Edel-Sturmgewehr HK 416. Stellen wir aber dennoch fest: Armeen armer Länder haben vor allem die preiswerten russischen Waffen und importieren nur äußerst selten aus Deutschland.

Aber das waren nur die Armeen. Es gibt ja noch andere Konfliktparteien. Was ist mit den Terrormilizen? Moslembrüder, Islamischer Staat, Boko Haram und wie sie alle heißen. Vor denen fliehen ganz sicher Menschen. Haben denn diese Djihadis deutsche Waffen? Das lässt sich natürlich schwer sagen – aber man kann ja mal auf deren Homepages gehen und gucken, mit welchen Waffen sich deren Kämpfer so ablichten lassen.

Es gibt auf Wikipedia eine interessante Seite, die sämtliche Terrororganisationen der Welt auflistet. Von 185 Terrorgruppen sind – wer hätte das gedacht? — 120 islamisch-djihadistisch. Die meisten davon sind in genau den Ländern ansässig, aus denen die Fachkräfte kommen. Ich habe mir nun mal die Mühe gemacht, alle 120 Islamistentruppen zu googeln um mir ihre Waffen-Posierbilder anzugucken, die sie ins Netz gestellt haben. Erstaunlich, wie sehr sich diese Terrormilizen alle ähneln! Auf den Bildern immer so 5-10 ungepflegte, zottelbärtige, schwarzhaarige Verbrecher in uneinheitlichen Militärklamotten und billigem Schuhwerk – entweder Turnschuhe oder Adiletten, die stolz wie Oskar ihr immer gleiches Gewehr in die Kamera halten (gern auch in Kombination mit dem Koran).

Und was für eine Knarre wird das wohl immer sein? Auf jedem einzelnen der vielen hundert Fotos, die ich mir angeguckt habe?

 

Natürlich kein hochwertiges deutsches Industrieprodukt, sondern, selbstverständlich, russischer Billigschrott: die Kalaschnikow. Daneben auch noch andere russische Waffen wie die Maschinengewehre PKM und RPK sowie der uns aus Filmen und Computerspielen wohlbekannte Raketenwerfer RPG-7 und das Scharfschützengewehr Dragunov.

Einzige Ausnahme bildete die philipinisch-malaysische Djihadistenmiliz Abu Sayyaf, (bekannt durch die Ermordung der Familie Wallert), die lieber mit amerikanischen M4 und M16 terrorisiert, statt mit Russenwaffen.

Also, falls diese ganzen islamischen Milizen deutsche Waffen besitzen, scheinen sie sich ihrer zu schämen. Jedenfalls halten sie die nie prahlerisch in die Kamera.

Übrigens, Entschuldigung an die russischen Leser. Kalaschnikows sind zwar billig, aber kein Schrott. Sie sind extrem zuverlässig, wartungsarm und können auch von den letzten Idioten und Kindersoldaten bedient werden. Nicht umsonst wurden von ihr seit 1947 über 100 Millionen Exemplare hergestellt. Davon die meisten nicht mal in Russland, sondern praktisch überall auf der Erde. Manchmal mit, manchmal ohne Lizenz. Vom G3, dem meistgebauten deutschen Gewehr der Nachkriegszeit, wurden hingegen nur 7 Millionen gefertigt.

So. Stellen wir fest: Weder die Streitkräfte der Flüchtlingsherkunftsländer, noch die dortigen Terrormilizen benutzen in nennenswertem Umfang deutsches Militärgerät. Welche Kriegsparteien gibt es denn noch? Haben vielleicht die Amis, die gerne mit Luftschlägen in diesen Konflikten mitmischen, deutsche Hardware? Nein. Außer ein paar Pistolen und Gewehre für Spezialeinheiten. Die Russen? Die bauen sich ihr Kriegswerkzeug lieber selber. Die Israelis? Die haben fast nur eigene Waffen und natürlich amerikanische. Aus Deutschland nur drei U-Boote, Heckler&Koch Unterwasser-Pistolen und ein paar Trainings-Ultraleichtflugzeuge. Schwer vorzustellen, dass davor  irgendjemand flieht.

Was ist mit der Bundeswehr? Fliehen Menschen vor der Bundeswehr nach Deutschland? Man kann sich ja gerne mal die Auslandseinsätze der Bundeswehr angucken. Zur Zeit laufen 16 Missionen, die vor allem darin bestehen, Soldaten und Polizisten auszubilden, Waffenschmuggel zu verhindern, Brunnen zu bohren, Luftraumüberwachung, Seeraumüberwachung. All der Kleckerkram, den die Amis für uns so übriglassen. Das einzige Mal, als die Bundeswehr mal richtig einen Angriffskrieg mit Bombenabwerfen und allem Drum und Dran geführt hat, war 1999 der Kosovokrieg. Damals hatte Deutschland mitgeholfen, Serbien zu bombardieren, um den angeblich von einem Völkermord bedrohten Albanern aus der Patsche zu helfen. Komischerweise sind es aber heute eher die Albaner, die von dort nach Deutschland „fliehen“, und nicht die damals von deutschen Waffen tatsächlich drangsalierten Serben.

Fassen wir zusammen: Dass irgendeiner der wertvoller als Gold Seienden vor deutschen Waffen geflohen seien soll, ist schlichtweg absurd. Diese spielen in den betreffenden Ländern so gut wie keine Rolle. Wobei es fraglich ist, ob man überhaupt vor einer Waffe flieht als eher vor demjenigen, der sie auf einen richtet. Aber gut. Wenn man schon anklagend den Finger erheben und ein Waffen exportierendes Land schuldigsprechen will, dann bitteschön … Russland! Ganz recht. Jede verfluchte Terrorbande, jedes Unrechtsregime auf dem Planeten hat wie selbstverständlich russische Waffen. Und anschließend die USA.

Aber Russland und die USA für Waffenexporte anzuprangern, das fällt dem gutmenschlichen deutschen Durchschnittsjournalisten nicht ein. Wenn auf der Welt irgendjemand an irgendetwas schuld ist, dann bitteschön Deutschland.

Mit dieser gutmenschlichen Gier nach deutscher Schuld lassen sich auch zwei Artikelüberschriften aus dem letzten Jahr erklären: „Der islamische Staat schießt deutsch“ (ippnw) und „Terrormiliz IS kämpft auch mit Waffen aus Deutschland“ (Welt). Die Artikel waren Kommentare zu der Agenturmeldung, dass der IS von einem ihrer Gegner, der kurdischen Peschmerga, Waffen erbeutet hat, welche zum Teil aus Deutschland stammten. Statt einfach zu melden „IS erbeutet Waffen von kurdischen Kämpfern“, schreiben sie „Der islamische Staat schießt deutsch“. Und darunter stand seitenlanges Gejammere, dass Deutschland ja bloß keine Waffen exportieren dürfe und dass sowas von sowas käme.

Als ich das las, schwoll mir der Kamm. Diese Waffen wurden der Peschmerga von der Bundesregierung geschenkt, damit … diese den IS damit bekämpft!! Das war das verdammt noch mal Beste, was man mit diesen alten Bundeswehrbeständen hätte machen können! Und nun stellt sich die deutsche Gutmenschenjournaille hin und heult rum, dass wir diese Waffen niemals hätten liefern sollen, weil man ja vorher hätte wissen müssen, dass davon vielleicht einige in den Besitz böser Buben übergehen könnten!

Die positiv zu sehende Tatsache, dass Deutschland den Gegnern des IS mit Waffen aushilft, wurde durch die Artikelüberschrift „Der islamische Staat schießt deutsch“ ins Gegenteil verkehrt. Diese insinuiert, dass die bösen Deutschen nicht mal Skrupel hätten, den IS mit Waffen zu beliefern.

Anders, als mit der Absicht, deutschen Ethnomasochisten einen wohligen Schauer der Bestätigung über den Rücken zu jagen, kann ich mir diese Aufmacher nicht erklären.

Nun möchte ich noch auf die Behauptung eingehen, dass Deutschland der drittgrößte Waffenexporteur sei. Das stimmte früher mal, ist aber schon lange nicht mehr richtig. Im Grunde gibt es sowieso nur zwei wirklich große Waffenexporteure auf der Welt. Die USA und Russland, die zwischen 2011 und 2014 zusammen 56% aller Waffenexporte bestritten. Nach diesen beiden kommt erst mal lange Zeit nichts und dann China, Großbritannien, Deutschland und Frankreich, die sich mit je etwa 5% zusammen den dritten Platz teilen. Zur Zeit liegen China und Großbritannien vor Deutschland. Und ich bezweifle, dass Deutschland China noch mal einholen wird. Dazu ist die deutsche Rüstungsindustrie viel zu konservativ und hat in den Zukunftsmärkten Drohnen und robotische Kriegsführung viel zu wenig zu bieten. Auch muss gesehen werden, dass Deutschland insgesamt mehr Waren exportiert als die USA, Großbritannien und Russland, aber dennoch weniger Waffen exportiert als diese. Der Anteil der deutschen Rüstungsausfuhren ist also, anders als es die Gutmenschenpresse uns immer wissen lassen will, gemessen an dem Gesamtexportvolumen Deutschlands besonders gering.

Abschließend will ich noch die Frage aufwerfen, ob es überhaupt sinnvoll ist, Ländern, die Waffen exportieren (was übrigens alle halbwegs industrialisierten Länder tun), die Schuld an Kriegen und Flüchtlingsströmen zu geben. Waffen sind nämlich nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Ähnlich, wie ein Elektrozaun nicht dazu da ist, Kühe zu quälen, sondern sie einzuhegen, ist eine Waffe nicht dazu da, um zu töten, sondern um eine Machthierarchie herzustellen. Und Machthierarchien sind meistens was Gutes, da sie gesellschaftlichen Frieden erzeugen. Denken wir nur daran, wie sinnlos eine nicht bewaffnete Polizei wäre.

Anders, als es Kritiker von Waffenexporten gerne behaupten, sterben weltweit immer weniger Menschen an Waffeneinwirkung. Obwohl es insgesamt immer mehr und immer bessere Waffen gibt. Und interessanterweise geschah der letzte große Völkermord (der in Ruanda), zwischen zwei Konfliktparteien, die kaum über moderne Waffen verfügten. Die Hutus und Tutsis brachten sich damals überwiegend mit ihren Buschmacheten um.

Und nein, die kamen nicht aus Solingen.

Von Xubor erschienen zuletzt die Bücher "Badass LEGO Guns" und "Elite Weapons for LEGO Fanatics".

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