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Kunst

Die Kunststätte Bossard – Nordische Mythen und Tempel der Kunst

Was sich dahinter verbirgt und warum sich ein Besuch lohnt, erfahrt ihr hier.

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„Auf einem Gelände, in der Nähe des Naturschutzparkes in der Lüneburger Heide, soll ein Kunsttempel erstehen. Den Heidewanderern, den sehnsüchtigen jungen Menschen der Großstadt soll zum Naturgenuss der weiten Ebene und des hohen Himmels des niederdeutschen Landes, der Atem Gottes, wie er am reinsten und doch menschennahesten aus dem großen, einheitlichen Kunstwerk quillt, eine schönheitliche Quelle, eine Stätte innerer Einkehr errichtet werden.“

Mit diesen Worten wandte sich das Künstler-Ehepaar Johann und Jutta Bossard im Jahr 1925 an Freunde und Verwandte mit der Bitte um eine Geldspende zur Finanzierung eines „Tempels der Kunst“. Johann Michael Bossard, 1874 in der Schweiz geboren, begann seine Lehrtätigkeit als Professor in Hamburg im Jahre 1907, bei welcher er seiner zukünftigen Ehefrau Jutta Krull begegnete, die als Schülerin unter ihm lernte. Zu dieser Zeit war Bossard bereits von Motiven der nordischen Mythologie fasziniert, die damals im Zuge der Nordischen Renaissance zahlreiche Künster inspirierte (Hugo Höppener alias Fidus, Hermann Hendrich), da die Sagas einerseits nicht so verbraucht waren, wie jene der griechischen Antike, und da sie zudem als Teil der verlorenen Identität der Deutschen betrachtet wurden. Bossard hatte zudem eine persönliche Verbindung zur germanischen Götterwelt: Durch eine Scharlachinfektion erblindete er bereits als Kind auf einem Auge, was in ihm eine Verbundenheit zum einäugigen Magier- und Totengott Odin nährte, mit dem er sich Zeit seines Lebens identifizierte und den er vielfach in Plastik und Bild erschuf.

Der Tempel wurde in einem Waldstück bei Jesteburg tatsächlich erbaut – und er steht noch heute und bildet das Herz der „Kunststätte Museum“ Bossard, die auf großflächiger Anlage noch einen Edda-Saal, Atelier und Wohnhaus, Grabstättte der Künstler, einen Selbstversorger-Garten, eine Skulpturenreihe und nach spirituellen Aspekten gepflanzte Baumreihen umfasst. Die Gesamtanlage verdeutlicht die Nähe der Bossards zur Lebensreformbewegung, die das Religiöse nicht als singulären Akt beim sonntäglichen Kirchgang auffasste, sondern die das gesamte Leben und den Alltag in einen spirituellen Kontext stellen wollte. Die Kunst sollte, ja musste spiritueller Natur sein, sollte eingebunden sein in gemeinschaftliche Arbeit, in gemeinsame Rituale. In seiner Werbeschrift, die auch sozialutopische Ideale der Lebensreform beinhaltete, empfahl er Jugendlichen in seiner Kunststätte ein „Tempeljahr“ abzuhalten, welches der künstlerischen und geistigen Entwicklung dienen sollte. Bossard war sowohl bei der Nähe zur Lebensreform als auch bei dem Wunsch, dieser neuen Religion eigene Tempel zu bauen, geistig nah an dem Diefenbach-Schüler Fidus (Hugo Höppener), der sein Ideal ebenfalls im Tempelbau und in der Schaffung eines Gesamtkunstwerks sah, daß vom „germanischen Geist“ erfüllt sein sollte. Während Fidus jedoch Baupläne zeichnete und das Gesamtkunstwerk schriftlich ausformulierte, hatten die Bossards den ihren längst erbaut und gingen noch weit darüber hinaus.

Odin & Freya

Schreitet man durch das Tempelportal, braucht es eine gewisse Zeit, bis man sich der Überwältigung entledigt, die einen in Anbetracht der erhabenen Bilderflut und der eindringlichen Stimmung erfasst. In schier fassungsloser Farbenpracht sehen wir universell-mythologische Motive, die gemäß der Einladung Bossards und der Lebensreform, den „Atem Gottes hauchen“. Unter dem Tempeldach thront ein gigantisches Holzgebälk, das bis in den kleinsten Winkel bemalt ist. Die hohen Fenster werfen je nach Wetterlage ein anderes Licht, welches den Tempel entweder gleißend illuminiert oder in schattenhafte Dämmerung setzt. Jeder Wechsel des Lichtes ist ein anderes Erleben im Inneren. Was die Bossards hier geschaffen haben, ist das direkte Spürbarmachen des Göttlichen. Für den Tempel schuf Bossard drei Bilderzyklen, die wechselnd aufgehängt werden sollten, die Oliver Fok in seiner Einführung in das Leben und Werk Bossards folgendermaßen zusammenfasst: „Während der erste Zyklus Krieg, Religionen und Untergang thematisiert, wird im zweiten Zyklus der Aufbau dargestellt. Der dritte Bilderzyklus heißt „Das goldene Zeitalter, da Götter und Menschen in Eintracht gewandelt“. Entstanden ist er in den Jahren 1942 und 1943.“ Werktitel wie „Rune des Geistes“ oder „Der gefesselte Prometheus“ sprechen eine klare Sprache.

 

Neben dem Tempel schufen sie den Edda-Saal, der sich ganz konkret den Nordischen Mythen widmete. Die Eingangstür ziert Motive der Wieland-Sage, der Innenraum ist von den Wänden mitsamt der Decke mit Motiven aus der Edda und den nordischen Sagas versehen: wir sehen Thor in seinem Wagen, Heimdall und Freya, Göttervater Odin auf seinem Thron, den fatalen Schuss auf Balder durch die List des Loki und vieles mehr. Dazu sehen wir die Plastiken des einäugigen Odin, die Bossard in empfundener Verbundenheit erschuf.  Durch das Krimhild-Tor geht es in einen dunklen Vorraum, der weiterer in nordischen Motiven schwelgt, auch wenn diese leider bei der herkömmlichen Beleuchtung nur vage zu erkennen sind. Hier ist auch der Aufgang in die obere Etage, die Wohnraum und Atelier verband. Diese Räumlichkeiten sind heute nur in Verbindung mit einer Führung zu betreten. Diese lohnt allemal, denn die Schlaf- und Lebensräume verdeutlichen den kompromisslosen Ansatz der Bossards, der keine Trennlinie zieht zwischen dem Alltag und dem schöpferischen Akt: der Schlafraum folgt stilistisch dem Edda-Saal, gelebt wird inmitten eines Kunstwerks.

 

Das Leben der Bossards wirkt wie ein Gegenentwurf zur Moderne. Sie widmeten ihr gesamtes Leben ihrer Kunst, ihr Leben war ihre Kunst. Beide schöpferisch tätig bis zum Tod; beide taten sie bis zuletzt alles, um das Gesamtkunstwerk zu erweitern und für kommende Tage zu sichern. Eine ähnliche Verpflichtung an das Werk kennen wir in dieser äußersten Form nur von Wagner. Die Bossards lebten zwar das Ideal der Kommune, doch was jenseits der heimischen Wälder an gesellschaftlichem Leben sich vollzog, war nicht in ihrem Sinne. Bossard war stets der Meinung, daß die Kunst vom Suchenenden gefunden werden und der Künstler sich nicht als Hausierer betätigen müsse, der sich selbst herabsetzt, indem er um Käufer und Bewunderer bettelt. Im Leben und in der Haltung die Antithese zu unserer Social-Media-Zeit, die den Bruch zur Tugend erhebt und die sinnenlehrte Vernetzung um ihrer Selbst willen propagiert. Bossards Wahlspruch, der auch im Einführungsvideo des Museums zitiert wird: „Die meinen werden mich schon finden.“. So berichten berufliche Weggefährten von einer „freundlichen Distanz“, die er stets zu Kollegen und Schülern wahrte und die ihn jede gesellschaftliche Verpflichtung meiden ließ. Diese Haltung spiegelt sich auch in seiner Lehrmethode wider, die darauf abzielte, die eigene Kreativität im Schüler freizusetzen und nicht diese zur Nachahmung des Stils und der Methode des Lehrmeisters zu motivieren.

 

Johann Michel Bossard verstarb 1950 im Alter von 74 Jahren. Seine Frau führte die Kunststätte weiter und sicherte den Fortbestand dieser dadurch, daß sie die Stätte in eine Stiftung überführte. Jutta Bossard verstarb im Jahr 1996 im Alter von 93 Jahren. Nach ihrem Tod wurde die Kunsttätte in ein Museum umgewandelt und organisiert für Besucher zugänglich gemacht.

 

Gegenüber dem dem neuen Atelier und dem Holzschuppen, den Bossard für die Lagerung des für Tempelholzes erbaute, liegt die Monolithenallee: ein von Findlingen gerahmter Weg in einen kleinen Hain. Dieser führt zu einem großen Stein, unter dem die Asche von Johann und Jutta Bossard sowie Juttas Schwester, Wilma Krull, ruht, die als gute Seele der Kunststätte das Lebenswerk der Bossards begleitete.

 

Geradezu ironisch mutet es an, wenn man die Umhegung und Finanzierung der Kunsttätte heute betrachtet: Regionalpolitik, Kulturverein und Sparkassenstiftung geben sich hier die Klinke in die Hand und betreiben die Erinnerung an einen Künstler, der, würde er heute mit gleichen Ideen und gleicher Kunst als Professor an einer deutschen Universität wirken, mit Berufsverbot und einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz rechnen müsste. Doch da die Kunststätte etabliert, der Tempel gebaut ist und Besucher schart, geht man in den Bund mit einer Kunst, die man eigentlich ablehnt und versucht, die Themen neu zu besetzen und die impulsgebenden Motive für die Kunst der Bossards in der Außendarstellung möglichst klein zu halten. Die Bossards haben die Zusammenarbeit mit den Nazis stets abgelehnt. Die Unterstützung durch die heutigen Machthaber dürften ihnen ebenso suspekt sein.

 

www.bossard.de

 

Stiftung Kunststätte Johann und Jutta Bossard
Bossardweg 95
21266 Jesteburg

ÖFFNUNGSZEITEN

1.11. bis 28.2.
So 11–16 Uhr

1.3. bis 31.10.
Mi–So 11–18 Uhr

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Kunst

Ein schwarzes Quadrat? Kann das Kunst sein?

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Das schwarze Quadrat von Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch

Das schwarze Quadrat von Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch

Die einen schätzen die moderne Kunst, die anderen sehen es als eine Vereinfachung der wahren Werte der Kunst. Über einen scheinbar unendlich währenden Streit der Kunstszene von dem auch Gegenstände des Alltags betroffen sind.

 

Das schwarze Quadrat

Ein schwarzes Quadrat. „Da bezahlt man Eintritt für eine Kunstausstellung und sieht nur irgendwelche bunten Formen und Körper, die willkürlich gemacht wurden scheinen“ – So in etwa würde der Kritiker moderner Kunst vor dem Gemälde des russischen Malers Malewitschts stehen. Die Botschaft von dem 1915 veröffentlichten Bild war die „Befreiung der Kunst von der Schwere der Gegenstände“. Eine gegenstandslose Kunst also, dessen Gedanke interessant klingt, doch einige Fragen aufwirft im Gesamtkunstverständnis und auch exemplarisch für eine Entwicklung der Vereinfachung steht, welche man nicht nur in der Kunst beobachtet.

 

Der Trend zum Einfachen

 

Wenn man sich die Kunstgeschichte anschaut, fällt vor allem eins auf: Je weiter du dich in Richtung Moderne begibst, scheint es, als vereinfacht sich die Kunst immer mehr. Was beim vereinfachten Duktus des Impressionismus Mitte des 19. Jahrhundert anfängt, endet bei abstrakten Kunstformen wie die Pop Art a la Keith Haring. Auch in der Architektur sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten. So wurde nach dem ersten Weltkrieg bei sämtlichen Gebäuden die Bauform vereinfacht, begleitet vom ideologischen Wegbereiter „Bauhaus“, welches die Effizienz und den Nutzen eines Produktes in den Vordergrund stellen sollte. Falls man Kunst daran messen möchte, entsteht der Eindruck, dass sich nicht mehr Mühe gegeben wird. Wie hoch ist der Aufwand im Vergleich zum schwarzen Quadrat, wenn man ein naturgetreues Landschaftsgemälde malt und dabei einen historisch-gesellschaftlichen Kontext mit einbringt? Man könnte dazu antworten, die moderne Kunst würde auch irgendwann exemplarisch für diese Zeit stehen. Wenn man dies so übertragt, würde unsere heutige Gesellschaft ziemlich billig abgebildet werden, trotz des höheren zivilisatorischen Level im Vergleich zu Vorgängerepochen.

 

Bauwerke für den Moment

 

Auch ein gigantisches Glasgebäude ist als Symbol einer hohen Zivilisation eher ungeeignet, da es nicht viele Jahrhunderte überdauern würde. Im Sinne des Bauhausgrundgedanken „Effizienz und Nutzen“ ist dieses nicht auf die Ewigkeit ausgelegt, anders als die Sandstein -und Granitgebäude der Antike beispielsweise. Der Trend zum Einfachen betrifft nicht nur die Kulturaffinen, denn selbst normale Alltagsgegenstände wie Besteck oder Möbel, wurden ersetzt durch schlichtes Design ohne jegliche Verzierungen. Es scheint, dass eine normale Möblierung des 19. Jahrhundert, damals bezahlbar war und heute nicht mehr, obwohl die Lebensverhältnisse heute besser sind. Die Möbel eines schwedischen Einrichtungshauses haben heutzutage sicherlich auch was mit dem Geschmack der Menschen zu tun, aber eine Alternative ist wegen hohen Preisen auch kaum möglich für die meisten Bürger.

 

Die Hintergründe dieser Entwicklungen

 

Als Symbol von Macht und Reichtum wurden aufwändige Gebäude vom griechischen Tempel bis zur gotischen Kathedrale von Eliten errichtet. Die Behausungen der „einfachen“ Bevölkerung sahen im Vergleich dazu sicherlich dezenter aus, aber trotzdem gelten die Gebäude der Mächtigen als exemplarisch für die jeweilige Epoche. Die Gemälde wurden ebenfalls von Eliten in Auftrag gegeben. Sie sollten die Gloria des jeweiligen Herrschers zeigen oder als Fotoersatz gelten, weswegen viele naturalistische Portraits entstanden. In der globalisierten Welt heutiger Tage ist Protzen nicht mehr so angesagt wie damals, zudem es zumindest in der westlichen Gesellschaft keine absoluten Herrscher gibt, welche ganze Epochen wie die Barock schufen. Heutzutage verwirklicht die Finanzelite ihren Reichtum durch Wolkenkratzer welche schlichter daherkommen. Die Rationalität des Kapitalismus überträgt sich so auch in Kunst und Architektur. Auch politische Eliten zeigen ihre Macht in Glasgebäuden, was man am Sitz der Vereinten Nationen oder der EU sieht. Das hat sicherlich etwas mit dem Zeitgeist zu tun – Keiner möchte als „rückständig“ gelten und sein fortschrittliches Denken lieber zum Ausdruck bringen. Trotz dessen hatte jede Epoche zu seiner Zeit seine eigene Modernität. So war die Orientierung zur Zeit des Klassizismus an der Antike, also der Vergangenheit. Nichtsdestotrotz galt man auch wenn sich an der Vergangenheit orientierte als fortschrittlich.

 

Eine Frage der Innovation

 

Sicher ein Grund für die Vereinfachung ist, dass sämtliche Kunstformen schon ausprobiert worden sind. Damit ein Künstler heutzutage auf sich aufmerksam machen kann, benötigt er eine Innovation. Diese sind in modernen Zeiten die abstrakten Werke, da es diese so nie gab und neue Strömungen definiert werden. So liegt es an der Bevölkerung auch selbst Kunst zu schätzen, da Künstler im verzweifelten Versuch innovativ zu sein, dem Schlichten folgen und interessante Potentiale unentdeckt bleiben.

Foto: gemeinfrei

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